top of page

Wenn es gerade gut ist.

kubinastefan
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit


Manchmal stellt uns jemand eine einfache Frage und unsere eigene Antwort überrascht uns. So ging es mir vor kurzem auf einer Feier. Die Frage war: Was wünschst du dir für das nächste Jahr? Meine Antwort: Ich wünsche mir, dass alles so bleibt.


Dankbarkeit / Zufriedenheit / Wohlbefinden / Achtsamkeit


Es war eine Geburtstagsfeier und eine Housewarming-Party. Ein gelungenes Fest mit Menschen, die teilweise nicht zu meinem Alltag gehören, die ich aber sehr gerne mag. Und mit diesen Gesprächen, für die zwischen Arbeit, Terminen und Alltag oft zu wenig Raum bleibt. In einem solchen Gespräch kam die Frage nach meinen Wünschen für das nächste Jahr auf. Und ich konnte in diesem Moment ganz ehrlich sagen, dass ich mir wünsche, dass alles so bleibt.

Natürlich weiß ich, dass das Leben so nicht funktioniert - soll es auch gar nicht. Das war aber in diesem Augenblick gar nicht der Punkt. Ich hatte schlicht das Gefühl: Es ist gut, wie es ist. Wenn ich an diesen Moment denke, ist da vor allem eines: Dankbarkeit. Und genau diesem Gefühl möchte ich hier ein bisschen mehr Aufmerksamkeit geben.



Wann ist eigentlich genug?

Wir verbringen viel Zeit damit, uns zu überlegen, was anders werden soll. Wir wollen uns entwickeln, etwas lernen, unsere Lebensumstände verbessern. Vielleicht wünschen wir uns mehr Zeit, eine erfüllendere Arbeit oder mehr Nähe zu anderen Menschen.

Dabei kann es passieren, dass wir unser Wohlbefinden immer ein Stück vor uns herschieben. Ungefähr so: wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, wird es ruhiger; wenn diese Entscheidung getroffen ist, können wir entspannen; wenn wir das nächste Ziel erreicht haben, sind wir zufrieden. Nur, wenn wir ehrlich uns selbst sind, wartet hinter einem erreichten Ziel meistens schon das nächste.

Der Moment auf der Feier hat mich daran erinnert, dass Zufriedenheit auch mitten in einem Leben auftauchen kann, in dem noch Fragen offen sind. Es gab und gibt Schwierigkeiten. Trotzdem war da dieses ehrliche Gefühl, gerade nichts hinzufügen zu müssen.


Dankbarkeit gibt dem, was bereits gut ist, einen Platz in unserer Wahrnehmung.



Das Gute darf auch zählen

Stellen wir uns einen gewöhnlichen Tag vor. In der Früh ist es hektisch, am Vormittag läuft ein Gespräch nicht wie erhofft, am Abend sind wir müde. Dazwischen hat uns jemand zum Lachen gebracht. Beim Mittagessen hat sich ein schönes Gespräch ergeben. Und auf dem Heimweg gab es zehn Minuten, in denen wir einfach die Sonne genießen konnten.

Wie war der Tag? Anstrengend, würden wir vielleicht sagen. Das stimmt. Aber es war auch noch anderes da. Dankbarkeit beginnt für mich mit der Bereitschaft, dieses Andere wahrzunehmen. Wer hat mir heute gutgetan? Was hat mich gefreut? Was war angenehm, hilfreich oder einfach schön?

Dafür braucht es keinen besonderen Anlass und auch keinen großen Rückblick auf ein ganzes Jahr. Manchmal reicht es, kurz bei einer Erfahrung zu bleiben, über die wir sonst hinweggehen würden. Wir dürfen die freundliche Nachricht, die uns erreicht hat, wirklich lesen. Wir dürfen die Unterstützung, die wir von einem anderen Menschen erfahren haben, wertschätzen. Wir dürfen einen schönen Moment genießen und müssen nicht schon dem nächsten Gedanken nachjagen.



Wie Dankbarkeit unser Wohlbefinden unterstützen kann.

Auch die Forschung beschäftigt sich damit, was passiert, wenn Menschen Dankbarkeit bewusst üben. Eine große Auswertung von 145 Studien mit rund 25.000 Teilnehmenden fand im Durchschnitt kleine Verbesserungen des Wohlbefindens durch Dankbarkeitsübungen, beispielsweise Tagebücher oder Dankesbriefe. Die Wirkung war unterschiedlich stark – die Übungen tun also nicht jedem Menschen in gleichem Maß gut. Zur Studie

Im Alltag wird der Gedanke dahinter sehr anschaulich. Wenn ich mich an das Gespräch auf der Feier erinnere, bekommt auch die Freude darüber wieder Raum. Ich beschäftige mich mit den Menschen, die mein Leben bereichern, und mit dem, was mir an meinem Leben gefällt. Ein schöner Moment behält auf diese Weise über den Augenblick hinaus Bedeutung.

Ähnlich ist es mit den vielen kleinen Erfahrungen, die wir täglich machen, aber denen wir selten Raum geben. Wenn wir abends aufschreiben, dass jemand Zeit für uns hatte, erinnern wir uns auch daran, dass wir jemandem wichtig sind. Wenn wir einen ruhigen Moment festhalten, bemerken wir vielleicht, wie gut uns solche Pausen tun.

So kann Dankbarkeit uns etwas über uns selbst zeigen: Was trägt zu unserem Wohlbefinden bei? Was schätzen wir? Wofür möchten wir häufiger Zeit schaffen?



Dankbar sein und trotzdem etwas verändern wollen.

Mein Wunsch auf der Feier war eine Momentaufnahme. Ich werde weiterhin Pläne machen, Neues ausprobieren und vieles in meinem Leben verändern wollen. Die Dankbarkeit für das, was ist, steht dem nicht im Weg. Wir dürfen zufrieden sein und neugierig bleiben. Wir dürfen etwas schätzen und trotzdem erkennen, dass wir an anderer Stelle Veränderung brauchen.

Genauso dürfen schwierige Gefühle ihren Platz haben. Dankbarkeit macht Traurigkeit, Ärger oder Erschöpfung nicht unberechtigt. Der Satz „Sei doch dankbar“ hilft deshalb oft wenig, wenn jemand gerade mit etwas kämpft. Dankbarkeit lässt sich einladen. Verordnen lässt sie sich schlecht.

Mir gefällt die Vorstellung, dass sie unseren Blick weiter macht. Zu dem, was fehlt oder schwierig ist, kommt auch das, was uns unterstützt, Freude bereitet und bereits gelingt. Beides gehört zu unserem Leben.



Eine kleine Übung: dein Dankbarkeitsjournal.

Du musst nicht darauf warten, dass dir jemand auf einer Feier die passende Frage stellt. Ein Dankbarkeitsjournal bietet dir eine einfache Möglichkeit, selbst regelmäßig innezuhalten. Probiere es in der kommenden Woche an drei Abenden aus. Nimm dir jeweils etwa fünf Minuten und ein Notizbuch oder eine Notiz am Handy.


1. Erinnere dich an einen konkreten Moment.

Was hat dir heute gutgetan? Wofür bist du dankbar? Ein bis drei Dinge reichen völlig aus. Das können Begegnungen, kleine Freuden oder hilfreiche Gesten sein.


2. Schreibe auf, was daran für dich wertvoll war.

„Ich bin dankbar für meine Freunde“ ist ein Anfang. Persönlicher wird es, wenn du die Situation beschreibst: „Heute hat mich ein Freund angerufen und sich Zeit genommen. Ich habe mich darüber gefreut, dass er an mich gedacht hat.“ Die Frage nach dem Warum hilft dir, bei deiner eigenen Erfahrung zu bleiben.


3. Lass der Erinnerung einen Augenblick Zeit.

Lies deinen Eintrag noch einmal. Wie war dieser Moment? Was empfindest du jetzt, wenn du daran denkst? Du musst dabei kein bestimmtes Gefühl erzeugen. Schau einfach, was da ist.


Für deine Einträge kannst du diese Satzanfänge verwenden:

  • Heute bin ich dankbar für …

  • Das bedeutet mir etwas, weil …

  • Wenn ich daran zurückdenke, spüre ich …


Wenn dir an einem Abend wenig einfällt, reicht eine Kleinigkeit. Und wenn es sich nach Pflicht oder Druck anfühlt, darfst du die Übung auch auslassen.


Lies am Ende der Woche deine Einträge noch einmal durch. Was taucht öfter auf? Welche Menschen, Erfahrungen oder kleinen Momente tun dir gut? Was davon möchtest du künftig bewusster wahrnehmen?


Vielleicht magst du mit dieser Frage beginnen: Was war heute für einen Moment gut, genau so, wie es war?



Kommentare


bottom of page