Entgrenzte Unmittelbarkeit.
- kubinastefan
- vor 1 Stunde
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Alles, was irgendwo passiert, ist maximal einen Mausklick oder einen Swipe von uns entfernt. Was macht das mit uns? Ist es ein Fluch oder ein Segen? Ein Plädoyer für ein gesundes Maß an Unmittelbarkeit.
Achtsamkeit/ Resilienz/ Unmittelbarkeit
Dieser Text ist wohl überlegt und mit Bedacht verfasst worden, ist aber gleichsam mehr eine Skizze, denn ein fertiges Gemälde. Er präsentiert einen Gedanken oder eine Idee und lädt zur Diskussion darüber ein. Er enthält somit keine Weisheit, die ich, mit welcher Berechtigung auch, mit der Welt teilen möchte und ist streitbar. Jede:r ist eingeladen, die Idee zu kritisieren, zu erweitern oder zu verwerfen. Ich habe versucht weder populistisch, noch polemisch zu sein und achtsam mit meiner Sprache umzugehen. Weil es sich aber um einen Text für eine Website handelt, nicht um ein ganzes Buch, habe ich mich entschieden, an vielen Stellen nicht in die Tiefe zu gehen und auch mit Verallgemeinerungen zu arbeiten. Damit ist klar, dies ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eben nur die Vorstellung einer Idee. Darum meine Bitte am Anfang: Wer auch immer den Text liest, möge bitte nicht am Wort kleben.

Brennpunkt mentale Gesundheit.
Was war der Auslöser für diesen Text? Ich arbeite seit zwei Jahren als Achtsamkeits- und Resilienztrainer. Die Entscheidung für diese Ausbildung war eine höchstpersönliche. Mir ist im Frühling 2023 klar geworden, dass ich mit der Art, wie ich mein Leben führe, Energie wesentlich schneller verbrauche, als ich sie gewinnen kann. Da ich davor schon einmal recht knapp an einer Erschöpfungsdepression vorbeigeschrammt bin, wusste ich, dass ich etwas verändern muss. Der erste Schritt auf meiner Reise führte mich zur Meditation, die ich seither regelmäßig praktiziere. Ich nahm wahr, wie sich die Meditation positiv auf mein Leben auswirkte - eine Auswirkung, die ich auch von meinem Umfeld gespiegelt bekommen habe. An diesem Punkt kam zum ersten Mal der Gedanke auf, mich intensiver mit Achtsamkeit und Resilienz zu beschäftigen, was schließlich in meiner Ausbildung mündete. Je tiefer ich mich mit den Themen befasste, desto mehr nahm ich wahr, wie vielen anderen Menschen es ähnlich geht wie mir. Daraus entwickelte sich meine Praxis als Achtsamkeits- und Resilienztrainer und im selben Atemzug weitete sich mein Blick. Es geht nicht nur Menschen in meinem nahen und weiten Umfeld ähnlich wie mir, sondern es gibt einen allgemeinen Trend in diese Richtung. Das zeigen auch Studien: Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich zugenommen. Ich vermeide das Wort dramatisch ganz bewusst. Die Gründe dafür sind vielfältig, genau wie die Bestrebungen, etwas dagegen zu unternehmen. Und genau an diesem Punkt setzt mein Text an und zwar auf zwei Ebenen. Einerseits auf der Ebene der Ursachen für den negativen Trend im Bereich der mentalen Gesundheit und andererseits auf der Ebene der Maßnahmen, um diesem Trend entgegenzuwirken.
Krisenmodus.
Ich habe mich für diesen Text intensiv mit meiner eigenen Erinnerung beschäftigt, vor allem mit der meines Erwachsenenlebens. Und in dieser Erinnerung, nicht auf der persönlichen Ebene, sondern auf der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ebene, ist ein Wort prägender als jedes andere: Krise. Den Auftakt machte 2008 die Finanzkrise, gefolgt von der Eurokrise, danach ging es weiter mit der Flüchtlingskrise, der Klimakrise, bis schließlich die größte Krise des 21. Jahrhunderts zuschlug, die Corona-Krise, die uns lange begleitete, ehe sie schließlich vom Ukraine-Krieg abgelöst wurde. Derzeit (im März 2026, als dieser Text im Wesentlichen entstanden ist) beschäftigt uns der Konflikt im Nahen Osten. Seit bald 20 Jahren jagt eine Krise die nächste, ohne Unterlass. Krisen bilden das Grundrauschen unseres Lebens. Und es wird das Gefühl vermittelt, als würden die Krisen immer schlimmer, so das die Krisen von vor 20 Jahren heute kaum noch müde belächelt werden. Wenn sich das eigene Leben auf dieser Bühne abspielt, dann macht das etwas mit uns.
Never not online
Neben dem Dauerkrisenmodus der vergangenen 20 Jahren, wurden Smartphones unsere ständigen Begleiter - das iPhone wurde ein Jahr vor der Finanzkrise präsentiert. Zunächst war das Nutzungsverhalten verglichen mit heutigen Maßstäben noch zurückhaltend, doch bald brachen alle Dämme und die Nutzungszeiten unseres Smartphones sind förmlich explodiert. Heute nutzen wir unser Smartphone für so gut wie alles, ein Trend, der vor allem, seit 2024, noch verstärkt wird, durch die Integration von KI. Wir sind jeden Augenblick unseres Lebens mit der ganzen Welt in Verbindung. Und wenn wir es nicht sind, dann haben wir Sorge, dass wir etwas verpassen und nicht up2date sind.
Entgrenzte Unmittelbarkeit
Die Verbindung dieser beiden Elemente, Dauerkrise und ein Leben im Online-Modus, haben aus meiner Sicht zu etwas geführt, das ich gerne “entgrenzte Unmittelbarkeit” nennen möchte. An dieser Stelle wäre möglicherweise ein Deepdive in die Evolution des Menschen sinnvoll, um zu zeigen, dass das Maß an Unmittelbarkeit, mit dem Menschen umgehen können, eingeschränkt ist. Ich begnüge mich mit einem kurzen Verweis auf die Neurowissenschaft. Unser Gehirn ist nicht besonders gut darin, eine reale Bedrohung von einer nicht ganz so realen Bedrohung zu unterscheiden.
An einem Beispiel: Wir gehen im Dämmerlicht im Wald spazieren, dort liegt ein Stock, den wir aber nicht genau erkennen können und der ein bisschen aussieht wie eine Schlange. Unser Gehirn und unser Körper reagieren wesentlich schneller, als wir das verbalisieren können. Unmittelbar wird unser Körper in den Fight or Flight Modus versetzt, der uns in die Lage versetzt zu kämpfen oder zu flüchten. Klar, unser Gehirn hat in erster Linie einen Zweck, es soll unser psychobiologisches Wohlbefinden sichern. Der Biss einer Schlange mit möglicherweise dramatischen Folgen stellt eindeutig eine Herabminderung unseres Wohlbefindens dar, also unmittelbare Reaktion. Der Ast ist natürlich keine reale Bedrohung, aber das Erkennen wir erst nachdem wir einen beherzten Sprung zur Seite gemacht haben, begleitet vielleicht von einem leisen oder lauteren Schrei.
Ein anderes Beispiel: Wir liegen abends im Bett, es war ein harter Tag im Büro. Keine Mittagspause und eine Menge Überstunden. Wir sind komplett geschlaucht, aber wir können nicht schlafen, unser Gehirn rattert. Es denkt fieberhaft nach und dann schießt uns ein Gedanke ein: Wir haben vergessen, die lebensentscheidende E-Mail an unseren Chef abzuschicken. Panik breitet sich aus, uns wird ganz heiß und wir werden vollkommen unruhig. Das ist ein sehr ähnlicher Prozess, der da in uns abläuft. Wir sind nicht mit dem Leben bedroht, wegen einer vergessenen E-Mail, aber in unserem Körper läuft dasselbe Programm.
Jetzt führen wir diese 3 Elemente zusammen: ein Gehirn, das nicht zwischen realer und eingebildeter Gefahr unterscheidet (nach dem Motto, sicher ist sicher), eine Welt im Dauerkrisenmodus und eine Kommunikationslandschaft, die uns all das 24/7 direkt aufs Smartphone hämmert. Das Resultat: Entgrenzte Unmittelbarkeit. Alle Probleme, egal, wie nah oder fern, egal ob sie uns wirklich betreffen oder nicht, wirken sich ständig auf unser Gehirn und unser Nervensystem aus. Das schwächt unsere mentale Gesundheit, es vermindert unsere Resilienz. Ein System unter Dauerbeschuss hat keine Möglichkeit sich zu regenerieren und ab einem gewissen Punkt kippt das System.
Müssen wir zu Einsiedlern werden?
Sind wir dem schutzlos ausgeliefert oder müssen wir jetzt, um unser Gehirn oder unsere mentale Gesundheit zu schützen, Einsiedler werden? Nein, das sind wir nicht und nein, das müssen wir nicht, so viel kann ich vorwegnehmen.
Bevor ich allerdings meine Ideen präsentiere, ist es an dieser Stelle geboten, einen wichtigen Hinweis zu geben. Ich bin kein ausgebildeter Psychotherapeut und meine Ideen sind kein Ersatz für eine professionelle Therapie. Sie wenden sich ausschließlich an Menschen, die präventiv zu ihrer mentalen Gesundheit beitragen wollen. Ich kann nur allen Menschen ans Herz legen, therapeutische Hilfe anzunehmen, sofern eine psychische Erkrankung vorliegt und all jene, die sich nicht sicher sind, ob sie mit ihren Themen alleine zurechtkommen, sich an einen Therapeuten zu wenden.
Es gibt aus meiner Sicht zwei Ansatzpunkte, um der geschilderten entgrenzten Unmittelbarkeit entgegenzuwirken, beide haben ihre Vor- und Nachteile, beide passen nicht in jedem Ausmaß zu jedem Menschen. Was für einen selbst richtig ist, lässt sich am besten durch experimentieren herausfinden. Was ist unser Ziel? Wir wollen wieder die nötige Distanz aufbauen. Das lässt sich einerseits durch Reizdeprivation erreichen und andererseits durch einen anderen Umgang mit den Reizen.
Widmen wir uns zunächst der Deprivation - was ist das überhaupt? Ganz einfach, wir vermindern die Reize, die auf uns einströmen. Da die Reize eben nicht wirklich unmittelbar sind, sondern durch ein Endgerät (Smartphone, Tablet, Computer, Fernseher) vermittelt sind, können wir sowohl die Zeit begrenzen, die wir uns den Reizen aussetzen, als auch ihre Intensität steuern. Es wirkt oft so, als würden uns unsere Geräte steuern. Das beste Beispiel dafür ist der beinahe unbewusste Blick aufs Smartphone oder auf die Smartwatch. Noch deutlicher empfinden wir das vielleicht vor dem Fernseher, bei dem wir gefühlt keine Kontrolle haben, was uns präsentiert wird. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen für jedes Endgerät. Immer steht am Ende die Frage: Ja, was soll ich denn machen? So als wäre es ein Naturgesetz, dass wir von diesen Reizen erreicht werden. Das ist es aber nicht. Wir dienen nicht unseren Geräten, sondern unsere Geräte uns. Sie wurden dazu geschaffen, uns unser Leben angenehmer und leichter zu machen und so dürfen wir sie auch nutzen.
Ich erzähle eine kurze Geschichte: Es ist Samstag, ich bin leicht kränklich und kann nicht mit meiner Frau Skifahren. Mittags kommt meine Schwiegermutter, um mir die Nachmittagsrunde mit dem Hund abzunehmen. Wir essen gemeinsam und ich frage sie, ob sie gleich losgehen möchte. Nein, sagt sie, sie möchte sich noch die Nachrichten um 13.00 anhören. Das kommt mir höchst eigenartig vor und ich frage nach, warum sie das möchte. Weil Israel und die USA den Iran angegriffen haben. So habe ich vom Angriff erfahren. Stunden nachdem es passiert ist. Das ist ein sehr drastisches Beispiel, das ist mir bewusst - für den einen oder die andere, möglicherweise auch aufgrund der Aktualität unangebracht. Es zeigt aus meiner Sicht aber sehr deutlich, dass nicht alles, was auf der Welt unmittelbar passiert, auch für uns unmittelbar sein muss.
Das bedeutet, wir müssen unseren Medienkonsum und unsere Mediennutzung, die so beiläufig geworden ist, wieder aktiv gestalten. Konkret kann das bedeuten, zu gewissen Tageszeiten - besonders morgens und abends - auf gewisse Formen der Mediennutzung zu verzichten. Klassiker: Nicht unmittelbar nach dem Wachwerden das Smartphone befragen, was während unseres Schlafes schreckliches auf der Welt passiert ist. Ein noch intensiverer Schritt kann es sein, für eine gewisse Zeit die Nutzung von Medien auf das wirklich Nötige zu beschränken, eine Art “Medienfasten”. Ich habe das im Zuge meiner Ausbildung zum Achtsamkeits- und Resilienztrainer drei Wochen lang gemacht und mache es heute einmal in der Woche, klassischerweise am Sonntag. Vor allem, wenn das System massiv überreizt ist, oder man sicher ist, keinen Tag ohne Smartphone überleben zu können (klar, das gibt niemand zu, aber wer sich angesprochen fühlt,...) für den kann diese Übung absolut zielführend sein.
Das Ziel der Reizdeprivation ist nicht gänzlich auf die Reize von Außen zu verzichten, sondern über das Ausmaß der Reize, die wir unserem System zumuten, selbst zu entscheiden.
Der zweite Weg führt über den Umgang mit den Reizen. Dazu komme ich nochmals auf das Beispiel mit dem Stock zurück. Wir erinnern uns, wir hüpfen zwar zuerst, aber dann realisieren wir, dass keine echte Bedrohung besteht und unser System kann wieder in den Normalbetrieb zurückkehren. Solche Momente entstehen nicht automatisch, vor allem nicht in endlosen Feeds. Stock folgt auf Stock folgt auf Stock, bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter. Die Medien füllen unser System mit Reizen bis es überquillt. Es liegt also an uns für einen “Stöckchen-Moment” zu sorgen. Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, die keine echte Bedrohung für uns ist, dürfen wir uns diesen Moment schenken und leise zu uns selbst sagen: das ist Schrecklich (je nach Nachricht die wir gerade gelesen oder gesehen haben), ich bin dankbar, dass ich davon nicht unmittelbar betroffen bin. Danach ist eine Atemübung hilfreich, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Wir geben unserem System damit zu verstehen, dass wir es mit einem Stock zu tun haben. Je konsequenter wir das tun, desto mehr verschiebt sich unser Fokus wieder auf das, was wirklich unmittelbar für uns ist und entlasten damit sehr wahrscheinlich unser System.
Abschließend noch ein Tipp für Menschen, die an “Weltschmerz” leiden, also Menschen, die sich viel mit Fragen beschäftigen, wie, wo soll das alles noch hinführen? Ist die Welt überhaupt noch zu retten? Wie wird das alles enden? Ich kann mich in dieses Denken sehr gut hineinfühlen, ich habe mir diese Fragen jahrelang selbst gestellt und stelle sie mir heute noch gelegentlich. Die Sorge um die Welt und die Mitmenschen ist aus meiner Sicht etwas Wertvolles, das nicht verschwinden soll. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, wenn sich mehr Menschen um das Wohl anderer sorgen würden, wäre die Welt eine bessere. Es geht also eher um das Maß, in dem man sich mit diesen Fragen beschäftigt . Dabei helfen die beiden schon beschriebenen Weg ganz gut. Und es geht darum, das Maß an Selbstwirksamkeit zu erhöhen. Die meisten Menschen sind nicht in der Position Entscheidungen von globaler Bedeutung zu treffen, das heißt aber nicht, dass wir keine bedeutungsvollen Entscheidungen treffen können. Wir können das jeden Tag in unserem echten unmittelbaren Umfeld und darauf sollten wir uns auch nach meinem Dafürhalten konzentrieren.
Achtsamkeit ist atmen und mehr.
Die Übungen, die ich hier vorgestellt habe, wie wir der entgrenzten Unmittelbarkeit entgegenwirken, sind recht basal. Aber sie folgen einer meiner Grundüberzeugungen: Atmen hilft immer. Der Fokus auf den Atmen schafft einen Raum zwischen Reiz und Reaktion, der in vielen Fällen sehr hilfreich sein kann. Und vielleicht noch wichtiger: es kann jedenfalls nicht schaden. Und schon im hippokratischen Eid steht die Schadensvermeidung vor der Hilfeleistung.
Übungen zur Achtsamkeit und zur Resilienz gehen aber weit über den Atem hinaus. Allerdings funktionieren nicht alle davon für jeden und schon gar nicht in jedem Kontext. Darum schweige ich an dieser Stelle darüber. Ich freue mich aber sehr, sollte das Interesse an Achtsamkeit und Resilienz geweckt worden sein und stehe gerne für ein Gespräch zur Verfügung.


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